Das internationale Symposion "Tanz, Politik &
Ko-Immunität" widmet sich der Frage,
inwiefern Tanz, sowohl in seiner Geschichte, als auch in seinen
zeitgenössischen Ausprägungen, eng mit Konzepten des
Politischen verknüpft ist. Während in diesem Kontext
Politik die Reproduktion von hegemonialen Machtverhältnissen
innerhalb von bereits instituierten Strukturen ist, verweist das
Politische dagegen auf jene Praktiken, die den Raum der Politik selbst in Frage
stellen, indem sie etwas in ihn einzuschreiben vermögen, was
zuvor keinen Ort hatte. Deshalb ist das Politische per definitionem eng
verknüpft mit der Idee von Choreographie im
wörtlichen Sinne. Denn die Praxis des Choreographierens
besteht wesentlich darin, Körper und ihre Beziehungen in einem
Raum zu verteilen. Sie ist eine Aufteilung von Teilen, die im Feld des
Sichtbaren und Sagbaren den Körpern Positionen zuweist. Aber
in einer Konfrontation der Körper und ihrer Beziehungen kann
auch eine Neuanordnung der Positionen stattfinden. In dieser
ununterbrochenen Aufteilung und Neuanordnung des Sinnlichen (Jacques
Rancière), die den Körper gliedert, zerteilt und
mit der symbolischen Ordnung einer Gesellschaft verbindet, liegt das
kritische Potential der Tanzkunst, das Interventionen in hegemoniale
Diskurse und herrschende Aufteilungen erlaubt. Im öffentlichen
Raum des Theaters, dessen Charakteristikum die Teilung zwischen
Bühne und Zuschauerraum ist, vermag der Tanz also nicht nur
die Körper aufzuteilen, sondern auch das zu teilen und
verteilen, was eigentlich unteilbar ist: Das Miteinander der
Körper ebenso wie ihrer Wörter und der Dinge, die sie
hervorbringen.
Der Begriff der Politik erlebt im philosophischen Diskurs der letzten
Jahre eine Renaissance. Einerseits wurde das Verschwinden der Politik
konstatiert (Alain Badiou), andererseits ihre Wiederkehr und
Integration in die Soziabilität proklamiert (Nicolas
Bourriaud). Und dazwischen gab es Stimmen, die wiederum der politischen
Philosophie selbst vorwarfen, an der Zementierung von
Zuständen der immer reineren Verwaltung teilzunehmen (Colin
Crouch, Chantal Mouffe, Jacques Rancière). Im Zuge dieser
Diskussion wird die Frage nach dem, was unter Demokratie zu verstehen
sei, immer virulenter: Die jüngsten Ereignisse im Bereich der
Wirtschafts- und Weltpolitik legen nahe, dass die Entwicklung, die
Michel Foucault in seinen Vorlesungen von 1977 bis 1979 als
Gouvernementalisierung des gesellschaftlichen Zusammenhangs
bezeichnete, weiter fortschreitet. Während die Bürger
vieler Staaten der einen Welt nun ungefragt zu gemeinsamen
Trägern von unabschätzbaren Risiken und freien
„Steuerunternehmern“ geworden sind, werden die
Grenzen zu anderen Welten immer rigider geschützt. Dies zeigt
sich sowohl in Gestalt überquellender
Flüchtlingslager vor der italienischen Küste als auch
an sich mehr und mehr in Hochsicherheitstrakte verwandelnden
Flughäfen, in denen Körper massenweise - bis in ihre
Mikrostrukturen hinein - von technischen Apparaten untersucht und
verbucht werden. Solche Abschottungen verhindern, bei gleichzeitig
freiwilliger Deterritorialisierung der einen, für einen
anderen, sehr viel größeren Teil der
Weltbevölkerung, das Eindringen in einen Raum, dessen
Eigenschaften verstärkt in Qualitäten wie
Beschleunigung, Vermehrung der Verkehrswege und Informatisierung
auszumachen sind. Dabei verquicken sich neoliberale Machtdispositive
mit Techniken der Sicherheit und Einzäunung von
Räumen, Diskursen und Körpern, um deren allumfassende
Gesundheit sich eher gesorgt wird als um mögliche gemeinsame
Lebensformen.
Mit der Renaissance des Politischen einher geht die Wiederbelebung
eines lange Zeit diskreditierten Begriffs: Der der Gemeinschaft. Ist
Gemeinschaft, gerade in der deutschen Tradition seit Ferdinand
Tönnies, oft der Gesellschaft in romantischer Weise
entgegengesetzt worden, so erscheint sie heute - u.a. in den Schriften
von Jean-Luc Nancy und Roberto Esposito - als möglicher Ort,
nicht des einfachen Widerstands gegen den Lauf der Dinge, sondern als
deren ständig neue Verhandlung und Aufs-Spiel-Setzung im
Streitgespräch zwischen Gleichen. Obwohl also die
gegenwärtigen Umwälzungen überall auf der
Welt zunehmend asymmetrische Verhältnisse zwischen den
Menschen etablieren, ist es gerade das Postulat der Gemeinschaft der
Gleichen, welches sie unterwandern kann.
Vor dem hier skizzierten Hintergrund stellt sich für die
Tanzkunst die Frage, wie mit dem tanzenden Körper im
öffentlichen (Bühnen-)Raum Politik gemacht wird und
wurde und wann er politisch war und ist. Das Symposion fragt nach
theoretischen Modellen, historischen Konstellationen,
zeitgenössischen Experimenten und praktischen Auswirkungen,
die das Verhältnis von Tanz und Politik beleuchten. Wie sieht
die Gliederung und Zerteilung des Körpers oder der
Körper in bestimmten Tanzformen - wie etwa dem Hofballett des
17. Jahrhunderts, dem romantischen Ballett des 19. Jahrhunderts und dem
Ausdruckstanz der Weimarer Republik - aus? Welche der historischen
Aufbrüche des Tanzes waren eng verbunden mit politischen
Kontexten, die ihn als kritisches Moment herausforderten, unterbanden
oder sich sogar mit ihm verbündeten, um die Anordnung der
Körper im gesellschaftlichen Raum auf der Bühne des
Theaters anders darzustellen und neu zu verhandeln? Wie gestaltet sich
eine kritische Auseinandersetzung mit dem Körper in Zeiten
seiner (repräsentativen und genetischen) Reproduzierbarkeit
und der massenmedialen Vervielfältigung seiner Bilder? Wie ist
deshalb das Verhältnis von Körpern und Texten neu zu
definieren? Gibt es tänzerische und choreographische
Praktiken, die spektakuläre Strukturen zu unterlaufen
vermögen? Wie denken die Künstler selbst
über ihre ästhetische Praxis nach, und welchen
Einfluss hat dies auf die Wahl ihrer Mittel? Welche Auswirkungen hat
ein solches Denken auf die institutionellen Arbeitsweisen und die
Praktiken der Künstler?
Im Rahmen von „Mitteilungen“ sollen sich die
Referenten aus tanz- und theaterwisenschaftlicher, historischer,
philosophischer und soziologischer Sicht dem Zusammenhang zwischen
Politik, Gemeinschaft, Tanz und Globalisierung annehmen. Ein
Schwerpunkt soll dabei auf der Erörterung der
jüngeren Tendenzen im zeitgenössischen Tanz und
dessen Hervorbringung von neuen Räumen der Kollaboration und
des Austauschs liegen. Gegenwärtige Strömungen sollen
in ihren unterschiedlichen Facetten zu historischen Kontexten in Bezug
gesetzt und der Frage nachgegangen werden, was am Tanz nicht nur
politisch sein kann, sondern auch zur Umformulierung dessen
beiträgt, was von ...konomen Verweltlichung der Welt genannt
wird. Parallel dazu ist es Ziel der Veranstaltung, nach praktischen
Antworten zu suchen, also Arbeiten ausgewählter
Tanzschaffender, die sich explizit mit eben jenen Themen befassen, in
das Programm des Symposions einzufügen.
Neben bereits etablierten Künstlern wie Xavier le Roy und
Mette Ingvartsen soll es auch darum gehen, einer jüngeren
Generation das Wort zu geben. Aus diesem Grund sollen Produktionen
anderer Städte bzw. Ausbildungsinstitutionen, deren Programme
während der letzten Jahre von Tanzplan Deutschland finanziert
wurden, eingeladen werden, um auszuloten, in welcher Relation sich auch
jüngere Tanzschaffende zu verschiedenen politischen
Entwicklungen begeben und sie in ihre Arbeiten einfliessen lassen. Der
Titel paraphrasiert dabei nicht ohne Zweck einen Text von Roberto
Esposito, der in seiner Trilogie Communitas-Immunitas-Bios den Versuch
unternimmt, die Reziprozität zwischen Öffnung und
Selbstabschottung – von gesellschaftlichen Systemen ebenso
wie von Körpern – produktiv zu denken und entlang
dieser beiden Parameter das Politische nicht neu zu erfinden, wohl aber
neu zu denken, nämlich als Moment der Durchdringung von
Gemeinschaft und Immunität, in jenem Zwischenbereich, in dem
sich das Leben eine Form gibt, um allen Körpern ihr
Überleben zu schenken.